Ich habe die Hefe vergessen

Ich backe Brote. Das ist mein Hobby.

Vor drei Wochen hatte ich eine Lehrstunde in Sachen:
Wie backe ich Brot — NICHT.

Genauer: Ich wollte mehrere Brote gleichzeitig backen. Mehrere Rezepte parallel. Effizient. Mit dem stillen Stolz, alles im Griff zu haben.

Denkste, Wiebke.

Eines der Brote ist nicht aufgegangen.
Ich hatte die Hefe vergessen.

Nicht aus Unkenntnis. Ich kenne das Rezept. Ich kenne den Schritt. Aber ich war zwischen drei Schüsseln, drei Zeiten, drei Köpfen gleichzeitig. Und genau dort fehlt dann eine Zutat. Eine, die essentiell ist.

Es ist die unauffälligste Form von Unwirksamkeit: kein lautes Misslingen, sondern ein stilles. Ein Teig, der einfach liegen bleibt. Wo etwas hätte werden können und einfach nichts wird.

Brot zwingt zur Präsenz. Es lässt sich weder beschleunigen noch parallelisieren. Es will: Präsenz!

Und wer das einhält, bekommt etwas zurück, das nicht durch Anstrengung entsteht: einen Teig, der atmet und aufgeht. Ein Ergebnis, das wirkt.

Brot hatte es mir gezeigt. Mein Alltag hat es wieder vergessen.

Was meine Workation mir dann gezeigt hat

In den Wochen davor war ich auch da. Theoretisch. Ich saß in Meetings, ich führte Gespräche, ich schrieb Mails.

Aber zwischen den Aufgaben war ich verteilt. Nicht zerstreut; das wäre noch harmlos. Verteilt. Auf zehn Themen gleichzeitig. Auf das, was gerade war, und das, was als Nächstes kommt. Auf die Zoom-Kachel und das, was eigentlich im Raum war.

Ich war anwesend, ohne präsent zu sein.
Und das ist nicht dasselbe.

In meiner Workation vorletzte Woche hat sich das verschoben. Nicht nur weil weniger zu tun war, sondern weil zwischen den Dingen Luft entstanden ist.

Zwischen einem Call und dem nächsten kein neu zu füllendes Zeitfenster. Sondern ein Blick AUS dem Fenster. Ein Atemzug. Eine Sekunde, in der einfach nichts gefordert wurde.

Und in dieser Sekunde ist etwas zurückgekommen, das im Alltag verschwunden war.

Beim Exklusiv-Wochenende mit meinem Sohn habe ich das Handy nicht in der Hand gehabt. Ich habe ihm nicht „hm" gesagt, während ich auf den Bildschirm geschaut habe.

Ich habe ihn angeschaut. Ich habe gehört, was er erzählt. In Verbindung.

Und etwas hat sich verändert.

Er hat anders geredet. Er hat anders gefragt. Er hat Dinge erzählt, die er sonst nicht erzählt. Er ist zu mir gekommen und hat sich gezeigt.

Nicht, weil ich etwas Besonderes gemacht hätte. Sondern weil ich da war. Wirklich.

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PRÄSENZ IST KEINE HALTUNG.
SIE IST EINE DISZIPLIN.

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Ich glaube, das ist der Satz, den wir in der Führung und im Leben viel zu wenig ernst nehmen.

Präsenz wird besprochen, als wäre sie eine Eigenschaft. Als hätten manche Menschen sie und andere nicht. Als wäre sie Charisma, Aura, irgendetwas Mystisches.

Sie ist nichts davon.

Präsenz ist eine Entscheidung, die du in jedem Moment neu triffst. Oder eben nicht triffst.

Präsenz heißt: Dieses Gespräch ist jetzt das, was zählt. Diese Person ist jetzt nicht eine von zehn. Dieser Moment ist nicht Mittel zum Zweck für den nächsten.

Das klingt einfach. Es ist eine der schwersten Disziplinen, die es gibt.

Weil sie verlangt, dass du etwas nicht tust: nicht parallel denken, nicht innerlich schon weiterziehen, nicht den Kalender im Hinterkopf laufen lassen.

Und Nicht-Tun ist im Führungsalltag fast verboten geworden.

Und was hat das mit dir zu tun?
Mehr, als dir vielleicht lieb ist.

Was für den Teig in meiner Küche gilt, gilt für dein Team im Meeting. Es ist derselbe Mechanismus. Nur dass im Unternehmen niemand so unmissverständlich antwortet wie ein Brot, das nicht aufgeht.

Wenn du als Geschäftsführer:in in dein Team gehst und nicht präsent bist, wissen es alle. Auch wenn du dasitzt. Auch wenn du nickst. Auch wenn du nachfragst.

Dein Team spürt, ob du in dieser Frage gerade wirklich denkst oder ob du gleichzeitig drei Mails formulierst. Es spürt, ob deine Anwesenheit Halt gibt oder nur Hülle ist. Es spürt, ob es jetzt Resonanzraum hat oder ob es schon wieder allein ist.

Und es entscheidet danach, ob es sich öffnet oder schließt.

Anwesend sein ist nicht führen. Präsent sein schon.

Das ist der Unterschied zwischen einem Meeting, das ein Meeting bleibt und einem, in dem etwas kippt.

Zwischen einer Teammitglied, das berichtet und einer Person, die sagt, was wirklich los ist.Zwischen einem Konflikt, der weggemanagt wird und einem, der sich auflöst, weil er endlich gesehen wurde.

Was Präsenz im Alltag konkret heißt
Drei Dinge, die ich mir nach der Workation neu eingerichtet habe:

Zehn Minuten zwischen den Dingen. Nicht für Mails. Nicht für „kurz noch was". Für nichts. Damit der Kopf den letzten Raum verlassen kann, bevor er den nächsten betritt.

Ein Meeting nach dem anderen, wirklich. Kein zweiter Bildschirm. Kein offener Channel. Wenn ich da bin, bin ich da. Wenn ich nicht da sein kann, verschiebe ich.

Die erste Minute gehört der anderen Person. Nicht meinem Agenda-Punkt. Nicht meiner Frage. Erst ankommen. Dann arbeiten.

Das sind keine Tricks. Es sind Mikro-Entscheidungen, die zusammen eine andere Führung ergeben.

Und sie kosten etwas. Sie kosten das Gefühl, dass alles gleichzeitig gehen muss. Sie kosten die Illusion der Multipräsenz.

Du kannst nicht überall sein. Du kannst nur an einem Ort wirklich da sein. Das ist keine Beschränkung. Das ist die Bedingung dafür, dass deine Anwesenheit überhaupt etwas bedeutet und wirkt.

Wir unterschätzen unsere Wirkung
Und vielleicht ist das die wichtigste – und gleichzeitig hoffnungsvollste – Wahrheit dieses Newsletters:

Wir unterschätzen, was Präsenz auslöst.

Was als kleine Geste durchgeht (ein zugeklappter Laptop, ein angeschauter Sohn, ein Brot, in dem die Hefe nicht vergessen wurde) ist nicht klein.

Es ist die Form, in der Wirkung im Alltag überhaupt entsteht. Nicht in den großen Reden. Nicht in den ausgefeilten Strategien. Sondern in den Momenten, in denen wir wirklich da sind.

Gerade jetzt, in einer Zeit, in der vieles zu groß scheint, um es zu lösen, sind diese Mikro-Wirkungen nicht weniger relevant. Sie sind MEHR relevant. Sie sind die Form, in der Verantwortung im Alltag passiert.

Wer präsent ist, wirkt. Auch wenn nichts Großes getan wird. Vielleicht gerade dann.

Und das gilt nicht nur für dein Team. Es gilt für deine Kund:innen. Für deine Kinder. Für deine Partner:in. Für die Menschen am Rand deines Lebens, die du im Vorübergehen siehst.

Sie alle merken, wer du bist, wenn du wirklich da bist.

Here's to clarity. And to presence.
Deine Wiebke

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Fragen für dich:
Wo warst du diese Woche körperlich anwesend, aber nicht wirklich da?

Was würdest du in deinem Kalender streichen müssen, damit zwischen den Dingen wieder Luft entsteht?

An welchem Ort in deiner Organisation warst du zuletzt nicht mehr — obwohl genau dort der Wert entsteht?

Wo unterschätzt du gerade deine eigene Wirkung — und was wäre, wenn du sie ernst nehmen würdest?

Wenn dein Team beschreiben müsste, wie sich deine Präsenz anfühlt: Was würde es sagen?

PS.Ich schreibe diesen Newsletter für Unternehmer:innen und Entscheider:innen, die viel Verantwortung tragen und wenig Zeit für echten Denkraum haben.

Es ist mir eine Herzensangelegenheit, Impulse zu setzen, die ordnen, entlasten und neue Perspektiven öffnen – jenseits von Methoden und schnellen Lösungen.

Die Gedanken hier sind Mentoring in Schriftform. Eine Einladung an dich, sie im Führungsalltag in die Praxis zu bringen. Nicht im Sinne von „mehr machen“, sondern bewusster.

Let´s take a different approach.

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